Moral

Guter Geschmack wird heute in einer technologisch orientierten Demokratie letztlich zu nichts anderem als zu geschmacklichem Vorurteil. Wenn die Kunst nichts anderes tut, als guten oder schlechten Geschmack zu erzeugen, hat sie völlig versagt. Was die Untersuchung von Geschmacksrichtungen betrifft, so kann sich guter oder schlechter Geschmack ebenso deutlich in der Wahl des Eisschrankes, Teppichs oder Lehnstuhls ausdrücken, den man bei sich zu Hause hat. Gute Kamerakünstler bemühen sich heute, die Kunst über das bloße Geschmacksniveau hinauszuheben. Die Kunst des Fotografierens muß frei von jeder Logik sein. Dieses logische Vakuum ist erforderlich, damit der Betrachter es mit seiner eigenen Logik ausfüllen und das Werk auf diese Weise tatsächlich vor den Augen des Betrachters Gestalt annehmen kann. So wird es zum unmittelbaren Spiegelbild seines Bewußtseins, seiner Logik, seiner Moral und seines Geschmacks. Das Werk sollte als Feedbackmechanismus für die Arbeit des Betrachters an einem Modell seiner selbst fungieren.

Les Levine (“Camera Art” in: Studio International, Juli/August 1975)