Back in the USSR – Architecture of waiting

Haltestellen sind das Wurzelwerk der sozia­listischen Architektur. Durch die unorthodoxe Bauweise findet eine Verschiebung von Erwartung und Realität statt. Während wir die Architektur des Sozialismus oft mit grauen Plattenbauten verbinden, ergibt sich aus der Betrachtung dieser vergessenen Relikte eine differenzierte, möglicher­ weise neue Anschauung. Es gilt, die Architekturgeschichte genauer zu untersuchen und liebgewonnene Stereotype zu überwinden. Anhand dieses Genres der Architektur können wir erkennen, dass im Osten durch­ aus eine tabulose und offene Formensprache möglich war. Im Gegensatz dazu wurden in den westlich orientierten Ländern gleichförmige und ge­normte Wartezonen aufgestellt. Bunte Werbung maskiert hier die Beliebigkeit der per Katalog bestellbaren Stadtmöbel.  Am Straßenrand entstand im Osten eine eklektische Mikroarchitektur. Konstruktivismus, Historismus sowie versteckte Bauhauszitate verweben sich dabei zu einer Collage, die durch archaische Einschübe immer wieder gestört wird.

Zuerst nahm ich die Haltestellen nur als singuläre Ereignisse wahr, jedoch erkannte ich allmählich, dass diese Gebäude ihr Potential nur in einer An­einanderreihung und im Vergleich entfalten können. So wird es möglich, verschiedene Geschwindigkeiten des Zerfalls und der Korrosion zu beob­ achten. Differenzen und Gemeinsamkeiten können dabei herausgearbeitet und beschrieben werden. Es ist eine Art Langzeitexperiment, bei dem durch Vernachlässigung und klimatische Einflüsse einzigartige Gebilde entstehen. Transportiert in ein imaginäres Museum entstünde aus diesen Ready­mades eine Sammlung dialektischer Konstruktionen. Losgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext wären sie pure Objektkunst. Die Exponate verweisen dadurch auf Vergangenes und binden gleichzeitig den neuen Zeitgeist mit ein. Es entwickelt sich ein ewiger Kreislauf, eine Ästhetik des Verschwindens.

 

The often very extravagant design of these bus stops, however, is not commonplace and is therefore remarkable. The unorthodox construction leads to a shift in expectation and reality. While we often associate socialist architecture with gray, prefabricated buildings, looking at these forgotten relics evokes a different, perhaps new perspective. It is about taking a closer look at architectural history and overcoming established stereotypes. Based on this genre of architecture, it is evident that an uninhibited and open form language was by all means possible in the east. In contrast to this, uniform and standardized waiting zones were set up in the countries oriented towards the west. Colorful advertising often masks the arbitrariness of the urban furniture that can be ordered from catalogs. An eclectic micro architecture emerged in the east by the roadside. Constructivism, historicism, and subtle Bauhaus citations are interwoven as a collage that is repeatedly interrupted by archaic insertions.

At first I only perceived the bus stops as singular phenomena, but I soon came to recognize that the potential of these buildings could only unfold through juxtaposition and comparison. This enables one to observe different rates of decline and corrosion. Differences and similarities can be identified and described. It is a kind of long-term experiment, leading to unique entities through neglect and climatic influences. Transported into an imaginary museum, these readymades would form a collection of dialectic constructs. They would be pure object art if they were detached from their original context. The exhibits refer to the past and at the same time incorporate a new spirit of the times. What emerges is an eternal cycle, an esthetic of disappearance.

Peter Ortner – Back in the USSR